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2010-07-27 * Ausgabe 82
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TOLERANZ IN DEUTSCHLAND

Otto Schily: ÒToleranz muss zur Akzeptanz führen. Entscheidend ist die SpracheÓ

Unter der souveränen Leitung des Fraktionsvorsitzenden der SPD Bayern, Franz Maget, verfolgten 300 Zuhörer im vollbesetzten Saal des Anton-Fingerle-Bildungszen-trums die Ausführungen der hochkarä-tig besetzten Runde.
Ein friedliches und fruchtbares Miteinander verschiedener Kulturen kann nur allmaehlich und durch das bewusste und freiwillige Engagement vieler einzelner Menschen und Initiativen entstehen.
Staatlichem Eingreifen sind bei dem, was in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert werden muss, enge Grenzen gesteckt, erlaeuterte Bundesinnenminister Otto Schily:

ÒStaat als Rechts- und SchicksalsgemeinschaftÓ

ÒDie Auffassung des Staatswesens als einer nicht ausschliesslich von Abstammung abgeleiteten Gemein- schaft, sondern als einer rechtsstaatlich verfassten geschichtlichen Bindung entspreche unserer modernen, von permanenter Migration abhängigen Gesellschaft.
Die meist konservative Sehnsucht nach Homogenitaet sei ein fundamentaler Irrtum. In den Vereinigten Staaten verlasse man gerade das Ideal einer politischen Homogenitaet. Der, Ómelting potÓ(Schmelztiegel) ist durch die Vision einer reizvoll variierten, bunten Salatschüssel (salad bowl) ersetzt worden. Hier können die unterschiedlichen Komponenten zusammenspielen, ohne ihre Eigenheit aufgeben zu müssen.Ó

Salad Bowl staat Melting Pot

Entscheidend für diese Komposition ist natürlich das verbindende Öl:
Die allen gleichermassen gelaeufige Sprache. Darin waren sich alle einig, die sich an der Erörterung des Themas beteiligten.
Vural Öger (Mitglied der Einwanderungskommission) machte in seinem engagierten Plaedoyer für ein verstaerktes Engagement zu einer inhaltlich erfüllten Akzeptanz der Gaeste und
Mitbürger auslaendischer Herkunft deutlich, dass Toleranz, lediglich als
Duldung verstanden, auf Dauer eine Zeitbombe zu werden drohe.
Er berief sich dabei auf Goethes ÒTassoÓ als Kronzeugen, wo Duldung als etwas beschrieben wird, das im Kern beleidigend bleiben und Agressionen wecken kann. Solange er nicht als Deutscher gesehen werde, sondern als ,,der Türke mit dem deutschen PassÓ, sei dieser Ziel nicht erreicht.

Europa braucht die Türkei Ð die Türkei braucht Europa

Claudia Yilmaz, die als Vertreterin des Vereins ,BrückeÕ die Situation
Deutscher in der Türkei schilderte, konnte dieses Gefühl unter umgekehrten Vorzeichen bestaetigen.
Der misstrauischen und aengstlichen Duldung von staatlicher türki-
scher Seite stehe eine natürliche und breite Akzeptanz in der Bevölkerung entgegen, die weit über die Pflicht zur Gastfreundschaft hinausgehe. Besonders hob sie die verbindende Rolle zweisprachig aufwachsender Kinder für die Annaeherung der Kulturen hervor.
Auch Otto Schily sah ein grosses Nachholbedürfnis bei der Ausweitung des deutsch-türkischen Jugendaustausches. Man müsse endlich die Sondersituation im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei angesichts der Grösse und sozialen Struktur der türkischen Minderheit in Deutschland und der weltpolitischen Rolle der Türkei akzeptieren, bekraeftigte Vural Öger. Er bekannte sich vehement zu seiner kemalistischen Praegung und der Integration in das europaeisch-westliche System.

Kopftuch und Laptop

Für mehr Lockerheit im Umgang mit der Verbindung von Tradition und Moderne warb in der anschliessenden Publikumsrunde eine Zuhörerin. Gerade in Bayern sei man doch sehr stolz auf die gelungene Verbindung von Laptop und Lederhose.
Solange dies Ausdruck persönlicher Meinungsfreiheit sei, auf Gegenseitigkeit beruhe und nicht unter Zwang geschehe, habe dagegen sicher keiner etwas einzuwenden, resumierte Maget. Damit wurde am Ende noch einmal klar, dass am Wertekonsens der wehrhaften Demokratie nicht zu rütteln ist.    zurück.



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